Briefe oder Emails – besonders persönlicher Natur – sollten wir ja immer zweimal lesen, bevor wir sie verschicken. Aus dem einfachen Grund, weil es sich nicht vermeiden lässt, dass Emotionen unseren Schreibstil beeinflussen. Ob nun bewusst oder unbewusst, aber eine gewisse Färbung ist in jedem Fall immer dabei. Das merken wir vor allem dann, wenn wir mal alte Briefe rauskramen oder in den „gesendeten Objekten“ stöbern. Nicht selten sind wir sogar bereits wenige Augenblicke später mit der ein oder anderen Formulierung schon gar nicht mehr 100prozentig einverstanden. Ein Phänomen, das sich im freien Raum der Sprache kaum vermeiden lässt. Beim professionellen Schreiben aber können wir zumindest versuchen, es zu kontrollieren.

Wer beispielsweise einen unterhaltsamen Text liefern soll, sich selbst aber gerade mental nicht auf der Höhe fühlt, müde oder abgeschlagen ist, wird viel schwerer zum Ziel gelangen als vielleicht im selben Moment bestens gelaunte ausgeruhte Kollegen. Emotionen können unsere Wortwahl enorm beeinflussen. Sie sind sogar in der Lage, uns zur Verfügung stehendes Vokabular komplett ein- oder ausblenden, je nach dem. Wie aber können wir es dennoch schaffen, möglichst frei von Emotionen und trotzdem gefühlvoll zu texten? Und wie gelingt es uns, der jeweiligen Anforderung entsprechend „hochwertig“ bzw. ihr gegebenenfalls auch synthetisch gerecht zu werden? Dazu zur Inspiration einige kleine Methoden, die ich selbst in der Maschinerie des dauerhaften Textens anwende.

  1. Die eigenen Gedanken und Gefühle ordnen – wie geht es mir selbst heute auf einer Skala von 1 bis 10?
  2. Die Aufgabe / den Text in entsprechende Position bringen – welche emotionale Grundhaltung sollte ich idealerweise einnehmen (Begriffsdefinition) und wie passt mein eigener „emotionaler Wert“ dazu? Wie weit sind Aufgabe und Grundstimmung von einander entfernt?
  3. Warm Up / Neutralisierung durch Lesen – entweder tiefer in die zu bearbeitende Geschichte eintauchen, sich einarbeiten oder etwas thematisch Ähnliches bzw. Weiterführendes lesen, den Kopf bewusst mit Fakten anfüllen, sich selbst Denkaufgaben geben, thematische Bezüge herstellen und die zu erreichende Grundhaltung langsam anvisieren und damit auch die eigene (persönliche) Grundstimmung neutralisieren
  4. Keine Ablenkung zulassen – störend bis giftig in dieser Phase der Vorbereitung können private Messages, ToDos, „Zwischendurch“ – Anrufe, Emails aber auch Gespräche (die nicht zum Thema gehören) sein
  5. Frische Luft – ein Mini-Ausflug nach draußen fegt manchmal ein ganzes Regal voller Text-Bausteine frei, ein zuvor diffuser Gedanke, etwas auszudrücken, wird mit einer kleinen Runde Sauerstoff manchmal wie von selbst konkreter, Redundanzen lösen sich auf oder eine neue – vielleicht DIE – Idee kommt hinzu
  6. Laut vorlesen – ein gesprochenes Wort wirkt anderes als ein (rein) geschriebenes, beim Schreiben fürs Hören eh unvermeidbar aber auch beim reinen Lesetexten ist das Vorlesen eine gute Kontrollinstanz, denn die Wörter werden einmal laut durch den eigenen Stimmapparat geschickt und gelangen durchs Ohr deshalb auch wieder ganz anders an ihren Entstehungsort

Natürlich gilt wie immer bereits vorm Anfassen des Stifts: Was möchte ich eigentlich erzählen und wen möchte ich wie erreichen? Auch die Vorstellung einer konkreten (emotional passenden bzw. neutralen) Person, für die wir den Text „gedacht“ schreiben, kann beim Grundzugang und dem eigenen emotionalen Sortieren helfen.

Also erst die eigenen Gefühle raus, dann die professionellen rein. Viel Glück!