Um erneut mit einem Gleichnis aus dem Ballett zu beginnen: Für manchen Betrachter im Publikum mag das Geschehen auf der Bühne oft wie zufällig angeordnet aussehen. Dabei geht es „on stage“ sehr wohl genau geordnet zu und die eigenen Körperpositionen sortieren sich exakt in ein zuvor bestimmtes Verhältnis zum Raum der Bühne. Tänzer und Tänzerinnen müssen demzufolge zweierlei lernen. Erstens: sich innerhalb der Mathematik dieser zahlreichen Fixpunkte sicher zu bewegen und zweitens: ästhetisch, elegant und leicht auszusehen sowie auch noch fokussiert ihre Geschichte zu „erzählen“.

Im Journalismus nehmen wir auch eine bestimmte Haltung zu Publikum und Projektionsfäche ein. Doch wie können wir dabei auch ästhetisch, elegant und bestenfalls leicht aussehen? Also eine Geschichte spannend, wertschätzend und gleichermaßen im Fluß erzählen, ohne, dass sie holpert, stockt oder den Zuschauer gar irritiert (wenn das nicht stilistisch so gewollt ist). Losgelöst von Erzählmethoden oder Darstellungsformen möchte ich das Wort „Demut“ ins Spiel bringen. Laut Definition ist Demut die „in der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründete Ergebenheit“. 

Viele Menschen verwechseln Demut jedoch mit Unterwürfigkeit. Dabei erfüllt die gelebte Demut eher den Zweck der zurückgenommenen Selbstkontrolle, des Hinterfragens oder Überdenkens. Und der schlichten Akzeptanz. Ohne Hast zu agieren ist besonders in unserer immer hektischer und komplexer werdenden Medienwelt zum raren Gut geworden. Demut hat eine entschleunigende Wirkung und sie kann zur richtigen Haltung führen. Was heißt das nun genau? Und wie werde ich demütig, ohne unterwürfig zu sein.

1. Betrachte die Gegebenheit / den Sachverhalt / das Neue ohne Emotionen

Emotionen sind Störenfriede der Neutralität aber unbedingt nötig, um Empathie zu entwickeln. Also: nicht weg damit, aber lerne, sie per Knopfdruck abzustellen, um nüchtern betrachten zu können.

2. Ordne die Geschichte in „deine Bühne“ ein

Positioniere sie mit neutraler Sorgfalt und nimm den jeweiligen Blickwinkel aus dem Publikum ein. Ist sie von allen Seiten wirklich gut zu sehen? Wird sie auch verstanden? Denke also in jedem Fall auch über dein Publikum nach. Gib ihm Gesichter, Namen, Alter, Bildungsstand, Hintergründe, aber bewerte dabei nicht, sondern nimm alle Möglichkeiten als gegeben hin.

3. Erzähle mit Dankbarkeit, erzählen zu dürfen

Die vielleicht größte Herausforderung für viele, die sich (zu früh) erfolgsverwöhnt zurück gelehnt haben und deshalb gar nicht wahrnehmen, dass sie eigentlich nur durchschnittlich sind. Oder blass. Oder beides. Und schlimmstenfalls nie anders waren. Wer dankbar ist, die Bühne betreten zu DÜRFEN und genauso auch immer wieder konsequent seine Geschichte erzählt, schafft es auch, sein Publikum zu erreichen, es zu berühren. Dankbarkeit ist keine Schwäche, sondern vielleicht eher die Zwillingsschwester von Demut. Gehe also ganz bewusst mit Dankbarkeit an die Aufbereitung der Geschichte.

4. Liebe was du tust und sei leidenschaftlich

Als der ukrainische Ballett Tänzer Sergej Polunin mit nur 19 Jahren zum ersten und bis dahin jüngsten Solotänzer des Londoner Royal Ballet aufstieg, sagte der damalige Ballettdirektor im Interview: „Wir hatten gar keine andere Wahl, als ihn zum Solisten zu machen. Ihn im Corps de Ballet tanzen zu lassen, wäre für alle schlecht und einfach nur albern gewesen.“  Was war gemeint: Das Ausnahme-Talent Polunin tanzte wie der Teufel. Keiner wußte genau, wie er es machte, aber er hielt sich stets an die Regeln der klassischen Ballettkunst und dennoch verpasste er jedem einzelnen Sprung, jeder Drehung und jeder Bewegung seine persönliche Note. Seine pure Leidenschaft hat Polunin weltberühmt gemacht. Im Storytelling können wir das auch – leidenschaftlich sein. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir lieben, was wir tun. Frage dich also genau das: Erzählst du anderen gern Geschichten? Liebst du das, was du tust? Nur dann wird es funktionieren.

Wenn wir also jeder neuen Geschichte mit Neutralität, Empathie, Dankbarkeit, Liebe und Leidenschaft, sowie Lust, sie weiterzutragen begegnen, stärkt das die eigene Position – also die Haltung des Erzählenden – wie von selbst. Weil wir aber dafür auch viel investieren, heißt das, dass wir auch fallen werden. Von Polunins blauen Flecken will ich jetzt nicht anfangen. Aber auch im übertragenen Sinne müssen wir bereit sein, es auszuhalten, dass wir bei vollem Einsatz, Vollgas und eben 100 Prozent+ auch stärker mit unseren Fehlern aufprallen. Auf mehr Widerstände treffen, bei hohem Anspruch auch über Leichen des bequemen Weges steigen müssen. Wenn es gelingt, aus all dem immer wieder neuen MUT zu schöpfen, ist die Demut schon in uns. Denn die authentische Demut ist im Grunde nichts anderes als der Mut zur Unvollkommenheit. Zu unterscheiden ist die Demut als innere Haltung und die demütige äußere Erscheinung. Im Idealfall stimmen beide überein. Wer sich demütig gibt, muss deshalb jedoch nicht demütig sein, und umgekehrt kann derjenige, der hochmütig erscheint, einen echten Stolz und eine damit verbundene innere Demut haben. Wer seine (vorgegebene) Demut zur Schau stellt, ist stolz, nicht demütig. Die Demut besteht dann nur zum Schein. Deswegen auch der aus meiner Sicht wichtigste Punkt:

5. Bleibe authentisch

Einen Tänzer, der nicht fühlt, wird das Publikum bewusst oder unbewusst als „affektiert“ entlarven. Beim Storytelling ist es genauso. Auch wenn wir unseren Rezipienten dabei nicht direkt in die Augen sehen. Aber auch wir Erzählenden werden an unserer Haltung, an der Art des „Vortrages“, an den Worten, die wir wählen, an der Montage… eigentlich an allem erkannt. Sind wir glaubhaft demütig und akzeptieren also aus freien Stücken die Gegebenheiten, werden wir auch authentisch und damit hochwertig abbilden können.

Auch wenn die Besonnenheit im Tagesgeschäft des Storytellings gar nicht mehr so „en vogue“ zu sein scheint, bin ich dennoch der Ansicht, dass sich schlussendlich immer die Qualität durchsetzen wird. Zumindest möchte ich daran glauben (dürfen) und dazu beitragen, dass sich die nächste Generation im Journalismus wieder mehr an guten Werten orientiert und schlicht nach „dem Besseren“ strebt.